Was hat tragen mit der kindlichen Motorik zu tun?

Hindert tragen ein Kind vielleicht sogar am laufen lernen?

DIE KINDLICHE MOTORIK – ein komplexer Vorgang

 

Die motorische Entwicklung von Kindern ist ein komplexer Vorgang. Es braucht zahlreiche Zwischenschritte vom neugeborenen Säugling zum laufenden Kleinkind.

Schon im Bauch fängt die erste Förderung an. Im Fruchtwasser schaukelnd, lernt der Fetus erstmals Bewegung kennen. Er setzt diese Erfahrung schon bald selbständig um, zappelt herum, dreht und wendet sich und streckt seine Gliedmaßen in alle Richtungen. Diese Bewegungen im Bauch dienen v. a dem Muskelaufbau und haben erstmal wenig mit koordinierter Bewegung zu tun. Bis zur Geburt wird dadurch bereits ein großer, motorischer Grundstein gelegt.

DAS GEHIRN STEUERT DIE MOTORIK

 

Kaum auf der Welt schreitet die motorische Entwicklung eines Kindes rasant voran. Innerhalb der ersten Lebensjahre lernt ein Kind alles Notwendige, um seinen Körper in allen Lebenslagen zu kontrollieren.

Das Gehirn dient dabei als motorische Schaltzentrale. Es versteht und verarbeitet die Notwendigkeit einer bestimmten Bewegung und gibt über Nervenbahnen den Befehl der Bewegungsausführung an die Muskeln weiter. Die Muskeln wiederum bewegen dann das knöcherne Skelett und üben eine grob- oder feinmotorische Bewegung oder eine Gleichgewichtsreaktion aus.

 


Bewegung erlernen findet in 3 Dimensionen statt:

("Dimensionen" sind hier tatsächlich räumlich zu verstehen)

Motorische Entwicklung im 1 Lebensjahr

Man sieht also: Bewegungsentwicklung ist vorprogrammiert und vorhanden. Man kann sie nicht einfach unterdrücken und man kann sie nicht beschleunigen. Sie findet zu der Zeit statt, zu der das Kind körperlich und geistig in der Lage ist, den nächsten motorischen Schritt zu gestalten. Was man jedoch tun kann, ist die Grundvoraussetzungen für die Motorik zu schulen und dem Kind ein besseres Werkzeug zum Erlernen der eigenständigen Entwicklung an die Hand geben.


 

Zitat des Kinderarztes

Dr. Renz-Polster:

 

Vieles spricht damit dafür, dass das Getragen-Werden Säuglingen eine bedürfnis-und entwicklungsgerechte Umwelt bietet, in der sie automatisch und kontinuierlich eine motorische und sensorische Förderung erfahren. So wird die Tatsache, dass in kleinräumigen traditionellen Kulturen Asiens und Afrikas aufwachsende Säuglinge die motorischen Meilensteine rascher durchlaufen als ihre nach dem westlichen Pflegemodell aufwachsenden Kollegen auch auf das dort weit verbreitete Tragen zurückgeführt.

 

WIE KANN TRAGEN DIE MOTORISCHE ENTWICKLUNG FÖRDERN?

 

Um zu verstehen, wieso Tragen die motorische Entwicklung also fördern kann, muss man sich die Grundvoraussetzungen für Motorik verdeutlichen. Was braucht ein Mensch, um sich zu bewegen?

 

Eine kleine Checkliste:

  • Motorische Zentren im Gehirn sowie Nervenbahnen: (siehe oben)
  • Muskeln: Muskeln sind die Puppenfäden des Menschen. Bekommen sie den Bewegungsbefehl, ziehen sie sich zusammen und bewegen somit den Knochen in die vorgesehene Richtung.
  • Ein Verständnis für den eigenen Körper: Damit ich etwas bewegen kann, muss ich wissen, dass es zu meinem Körper gehört. Was für einen normalentwickelten Erwachsenen selbstverständlich klingt, muss ein Baby zunächst lernen.
  •  Motivation: Ohne (bewusste oder unbewusste) Motivation funktioniert keine Bewegung. „Ich öffne meine Hand, weil ich ein Spielzeug greifen will!“ oder „ich hebe meinen Kopf, damit ich mehr sehe“.
  • Stabilität und die Fähigkeit eine Bewegung auszugleichen: Ein Mensch der den Arm heben möchte, muss es schaffen im restlichen Körper stabil dagegen zu halten. Sonst würde er schlichtweg umfallen. Ebenso: wer läuft, bewegt sich kurzfristig auf nur einem Bein. Man muss also ein gutes Gleichgewicht besitzen, damit man in diesem Moment nicht stürzt.
  •  Usw.

Und was passiert jetzt beim Tragen?

 

1.) Permanente Bewegung der Mutter ruft Gleichgewichtsreaktionen (Ausgleichsbewegungen) hervor

 

Eng an Mamas Bauch oder Rücken gekuschelt nimmt ein Kind jede Bewegung der Mutter wahr. Vom Atemzug bis zum gleichmäßigen Wiegeschritt. Als „aktive Traglinge“ (siehe Exkurs im Hauptteil) hängt ein Kind jedoch keineswegs passiv in der Tragehilfe. Sein Gehirn registriert jeden Bewegungsimpuls, verarbeitet ihn und leitet kleinste Gleichgewichtsreaktionen (=Ausgleichsbewegungen) ein. Jeder Schritt der Mutter führt also zu minimalen Muskelanspannungen im Körper des Kindes. Das trainiert die Muskulatur und schult das Gleichgewicht. Zwei wichtige Grundvoraussetzungen für eine eigene Bewegung.

 

2.) Rhythmus erlernen

 

Laufen ist nicht gleich Laufen. Normalerweise bewegt sich der Mensch rhythmisch. Versucht man seine eigenen Schritte einmal zu zählen, dann merkt man schnell, dass der Abstand zwischen den Schritten immer annähernd ähnlich ist. Rhythmus ist sinnvoll, damit der Körper den günstigsten Energieverbrauch nutzen kann. Eine rhythmische Bewegung erleichtert die Bewegung durch optimale Schwungausnutzung und angepasste Atmung.

 

Bereits im Mutterleib erleben wir ersten Kontakt mit Rhythmus: Zunächst über den gleichmäßigen Herzschlag der Mutter oder den Klang der Stimme. Im Tragetuch nimmt ein Baby nun den Rhythmus des Schrittes der Mutter wahr und kann sein eigenes Rythmusgefühl schulen.

 

 

3.) Enge im Tragetuch hilft Körpergrenzen zu bemerken-> wo fängt mein Ich an und wo hört es auf?

 

Tatsächlich ist das Bewusstsein für den eigenen Körper eines der Dinge, die während des Wachstums erst erlernt werden müssen. Ein Neugeborenes hat noch kein ICH-Gefühl. Es nimmt anfangs nur Grundbedürfnisse wahr und versteht noch nicht, wer es selbst ist. Diese Fähigkeit kommt mit der Zeit.

 

Auch Säuglingsstationen wissen oft um die Notwendigkeit dieser wichtigen Lektion. Oft wird versucht, die Kinder abwechselnd in verschiedenen Positionen zu lagern, damit sie die Seite, die jeweils die Matratze berührt, bemerken lernen. Auch variiert man die Seite der Ansprache oder der Reizwahrnehmung (z.B. Geräusche im Flur), damit der Blick der Kinder nicht einseitig bleibt. Bei den Allerkleinsten regiert nämlich das Prinzip: Nur was ich sehe/ fühle, ist existent! Ein Arm, der ständig ausserhalb von Babys Sichtfeld liegt, wird nur schwer wahrgenommen und bewegt werden können.

 

Nicht zuletzt werden heutzutage auch immer öfter Bonding und Babymassage zur Körperwahrnehmung eingesetzt. Die Kinder sollen neben der Nähe von Mama auch ein Gespür für den Körper entwickeln. Jedes berührte Körperteil rückt dabei in Babys Fokus, sendet Millionen kleinster Empfindungen an das Gehirn und hilft ihm zu verstehen, bis wohin sein Körper geht.

 

Die Enge im Tuch unterstützt diesen Effekt. Das Baby erfährt einen gleichmäßigen, sanften Druck auf seinen Körper und kann seinen Körper viel leichter wahrnehmen lernen.…und wenn das Baby weiß, dass das Ärmchen an der Seite sein eigenes ist, dann wird es früher oder später auch einen Weg finden, dieses zu bewegen.

 

 

4.) Aufrechte Position vereinfacht das Beobachten anderer Personen bei Bewegung

 

Zu guter Letzt sind Babys ideale Beobachter. Sie schauen sich unendlich viel von anderen Menschen ab. Eine Mimik, eine Handlung oder eine Bewegung. Und aufrecht an die Mama gewickelt, hat ein Baby einen optimalen Aussichtsplatz für seine Beobachtungen. Wesentlich besser als flach in der Wanne des Kinderwagens zu liegen und Richtung Verdeck oder Himmel zu blicken.

 

 

Ein schönes Zitat aus der Rubrik der Ammenmärchen von den Rabeneltern.org zum Schluss lautet:

 

"Die Bewegungsmotivation von Säuglingen ist bei normaler Entwicklung so hoch, dass es nicht möglich ist, ein Kind davon abzuhalten, in seiner Entwicklung fortzuschreiten. Jeder, der mal ein acht Monate altes Kind wickeln wollte, kann ein Lied davon singen..."